Schlachthaus Theater Bern
Autorentheater

Trainingslager extra (Zürich):

VON DEN BEINEN ZU KURZ

Vorstellungen: 31.05.2012 (Berner Premiere Probier-Mich-Preis) | 01.06.2012 | 02.06.2012 (anschliessend «REIHE 5 fragt nach»)

Spiel Ort: Schlachthaus Theater Bern

Von Katja Brunner. Grausiger Familienthriller, schönes Sprachgewitter, beeindruckendes Debüt: Ein Stück aus dem Dramenprozessor.

«Er zeigte auf ihre Wangen und da bekam er solchen Hunger, dass er anfing, seine Tochter zu essen. Und wenn er nicht gestorben ist, dann isst er sie noch heute.»
Da ist ein Vater, eine Mutter, ein Kind. Was sich in der scheinbar geregelten Welt dieser Kleinfamilie abspielt, erfahren die Zuschauer durch die Perspektive des Kindes. Die Tochter steht unter einem Redezwang, rekonstruiert das Geschehene, behauptet ihre Version der Wahrheit und versucht damit, sich den Boden unter den Füssen wieder zu erkämpfen, der ihr weggezogen wurde. Die Autorin lässt diese Tochterfigur vielstimmig zu Wort kommen, sie spricht und widerspricht sich, rechtfertigt und erinnert sich. Sie steht vor dem Publikum wie vor einem Tribunal, für das, was geschehen ist, gibt es in der öffentlichen Meinung nur die Kategorien Böse und Gut, das weiss sie. Dennoch wehrt sie sich dagegen, verteidigt sich und ihre Familie – das Einzige, was sie hat.

In Katja Brunners beeindruckendem Debüt wird die Sprache zu einem Seziermesser, das die Vater-Mutter-Kind-Welt zerschneidet und die schwindelerregenden Abgründe menschlicher Leidenschaft aufdeckt. Der Text nähert sich analytisch und unvoreingenommen einem Thema, zu dem oft sehr klare Opfer-Täter-Haltungen bezogen werden. Er zeigt die Komplexität der Wirklichkeit und hinterfragt normierte Moralvorstellungen.

A furious explosion of words; part family thriller, part gruesome fairy tale, in which language is used like an autopsy knife to expose the dark underbelly of human passion.


Foto: Judith Schlosser


Foto: Judith Schlosser

Spiel: Julia Doege, Vivianne Mösli, Julia Schmidt, Marie-Isabel Walke. Regie: Antje Thoms. Bühne: Romy Springsguth. Kostüme: Simone Hofmann. Musik: Sandra Künzi. Choreographie: Christa Näf. Licht: Michael Omlin. Dramaturgie: Dominique Müller. Mitarbeit & Assistenz: Andrea Schmid, Sven Popp. Produktionsleitung: Gabi Bernetta. Aufführungsrechte: Henschel Schauspiel Theaterverlag Berlin.
Eine Dramenprozessor-Koproduktion mit Theater Winkelwiese Zürich und Schlachthaus Theater Bern.

art-tv.ch Beitrag

«Schreiben aus Empörung nzz vom 26.01.12» :pdf

«"Ich muss mich verzeihen"» :pdf

«Grosse Abgründe in der Kleinfamilie» :pdf

«Kindmissbrauch ohne Opferkult» :pdf