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Zu Gast: auawirleben
Bibiana Mendes & River Roux / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (Berlin)prick prick boom
Mi 13.05.26
20:00Do 14.05.26
20:00Artist Talk mit River Roux und DDCP:
22:00 im Festivalzentrum Lehrer*zimmerDer Talk wird live auf Radio RaBe übertragen.
März 1988, 22.30 Uhr, Nervenklinik der Charité in Ost-Berlin: Eine junge Frau hält eine Spritze an den Hals einer Pflegerin. «Ich bin doch eine Frau, oder was meinen Sie?» hatte sie an ihrem ersten Tag auf der Station gefragt. Jetzt stehen drei Polizisten und eine Chefärztin vor der Tür ihres Zimmers. Die Ärztin dokumentiert ihre Antwort nicht. Sie dokumentiert auch nicht, ob die junge Frau mit der Nadel Widerstand übt oder Rache, ob sie Vergeltung will, Chaos oder die Antwort auf ihre Frage.
Rage ist unfreiwillig. Wer sie fühlt, kann von ihr verzehrt werden und jene verletzen, die sie nicht teilen. Rage ist Bruch, Begehren und Zeichen der Unvereinbarkeit von Realität und der eigenen Existenz. Wenn Rage uns verbindet, entsteht Bewegung. In «prick prick boom» beschwören vier Performer*innen Körper jenseits der Vernunft. Sie hören auf, auszuweichen, sich zu ducken, zu entschuldigen und erträumen sich Militanz und Wut ohne Konsequenz.
Berlin ist ein historischer Schauplatz von der Kriminalisierung und Auslöschung queeren Lebens, von der Behinderung queerer Kollektivität. Dokumentationen des Ungehorsams finden sich in Archivkisten und Akten, zwischen den Zeilen in Entlassungsberichten, Festnahmeprotokollen und Zeitungsannoncen. Lou Thabart, Paula Pau, Adrian Marie Blount und River Roux üben Entgleisung als Widerstand. Handtaschen werden zu Schlagwerkzeugen, High Heels zu Projektilen, Zöpfe zu Peitschen. Ruhig bleiben ist ausgeschlossen und Geduld kann sich keiner mehr leisten. «Gebeten habe ich bereits, fordern kann ich nicht», schrieb die junge Frau auf der Station. Was liegt jenseits der Bitte?
Einfach gesagt
Eine junge Frau stellt in einer Klinik eine wichtige Frage über ihre Identität, bekommt aber keine Antwort und wird stattdessen kontrolliert und überwacht. Das Stück zeigt, wie Wut und Widerstand entstehen können, wenn Menschen nicht gesehen, nicht gehört und unterdrückt werden.
Content Notes
Diese Produktion befasst sich mit Diskriminierung gegenüber BPoC, Trans- und gender non-conforming Menschen sowie neurodivergenten Menschen. Die Produktion enthält Referenzen zu Gewalt, Tod, Psychiatrie und der Verwendung psychiatrischer Fachsprache. Die Produktion enthält sexuelle Inhalte, darunter inszenierte einvernehmliche sexuelle Handlungen und Bezüge zu sexueller Gewalt. Es gibt eine Intimszene und Ritzen mit scharfen Gegenständen in die Haut. Die Produktion beinhaltet Bewegungen des Publikums während des Stücks, die im Voraus angekündigt und langsam und kontrolliert angeleitet werden, wobei für diejenigen, die sich nicht bewegen können, bestimmte Plätze vorgesehen sind.
Sensorische Reize
- Laute Geräusche und Töne
- Schweres Atmen
- Rufen
- Flüstern
- Blitzlichter
- Stroboskoplichter
- Momente der Dunkelheit
- Blackout
- Bühnennebel
- Dunst
- Energiegeladene Vorstellung
- Körperflüssigkeiten
Sitzsäcke
In der vordersten Reihe liegen Sitzsäcke bereit, auf die man sich setzen kann. Es stehen alternative Sitzgelegenheiten (Sitzkeile, Kissen, etc.) zur Verfügung.
Barrierefreiheit
Alle Infos zur Barrierefreiheit gibt's hier.
March 1988, 22:30 at the neurological clinic of the Charité in East Berlin: A young woman holds a syringe to the neck of a nurse. «I am a woman, aren’t I? What do you think?» she had asked on her first day on the ward. Now three police officers and the chief physician are standing in front of the door to her room. The doctor did not record her answer at the time. She also does not document whether the young woman is holding the needle out of resistance or revenge, whether she wants retaliation, chaos, or simply an answer to her question.
Rage is involuntary. Those who feel it can be consumed by it and may hurt those who do not share it. Rage is rupture, desire, and a sign that reality and one’s own existence cannot easily be reconciled. When rage connects us, it creates movement. In prick prick boom, four performers invoke bodies beyond reason. They stop avoiding conflict, stop ducking, stop apologizing, and begin to imagine militancy and anger without consequences.
Berlin has long been a historical site of the criminalization and erasure of queer life and of attempts to disrupt queer collective existence. Traces of disobedience can be found in archive boxes and files, between the lines of discharge reports, arrest protocols, and newspaper notices. Lou Thabart, Paula Pau, Adrian Marie Blount and River Roux rehearse derailment as a form of resistance. Handbags become striking tools, high heels turn into projectiles, braids into whips. Remaining calm is no longer possible, and patience is something no one can afford anymore. «I have already asked. I cannot demand,» the young woman once wrote on the ward. What lies beyond asking?
Easy read
A young woman in a hospital asks a question about who they are, but nobody answers her. The performance shows how anger and resistance can grow when people are ignored, controlled, or treated unfairly.
Content Notes
This production addresses discrimination against BPoC, trans and gender non-conforming people, and neurodivergent people. The production includes references to violence, death, psychiatry, and the use of psychiatric language. The production contains sexual content, including enacted consensual sexual actions and references to sexual violence. There are an intimate scene and a scene involving cutting with sharp objects. The production features audience movement during the play, which is announced in advance and guided in a slow and controlled manner, with designated spaces for those unable to move.
Sensory Triggers
- Loud noises and sounds
- Heavy breathing
- Shouting
- Whispering
- Flashing lights
- Strobe lights
- Moments of darkness
- Blackout
- Stage smoke
- Haze
- High energy performance
- Body fluids
Accessibility
All accessibility info here
Co-Kreation: River Roux & Bibiana Mendes
Performance: River Roux, Lou Thabart, Adrian Marie Blount & Paula Pau
Dramaturgie: Lili Herin
Bühne: Simeon Melchior
Musik: Adrian Marie Blount
Kostüm: Djuna Reiner
Produktion: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin
nonetheless
auawirleben – die 44. Festivalausgabe
Nichtsdestoweniger halten wir durch. Nichtsdestoweniger halten wir zusammen. Nichtsdestoweniger machen wir Theater. Nichtsdestoweniger sagen wir, was wir denken.
Die Welt macht gerade ganz schön Angst. Oder wütend. Oder mindestens sprachlos. Wer nicht direkt ums eigene Leben oder die Würde bangen muss, verliert zumindest die Lust am Feiern. Viele Dinge werden gerade ziemlich unwichtig angesichts dessen, was wir täglich in den Nachrichten lesen. Das Gefühl von Machtlosigkeit macht sich breit und das persönliche Empathie-Reservoir versiegt langsam.
Da finden wir: Jetzt ist es erst recht an der Zeit, einander zuzuhören. Und wo kann man das besser als im Theater. Die 15 eingeladenen Gruppen aus Australien, Belarus, Brasilien, Bulgarien, Deutschland, England, Estland, Litauen, Mexiko, Österreich, Polen, Spanien und der Schweiz bringen alle Geschichten des Widerstands nach Bern, nicht des grossen Widerstands in Form von Protesten oder Revolten, sondern des Widerstands im Kleinen. Es sind Geschichten des «Trotzes»: trotz Krise, trotz Armut, trotz Ausgrenzung, trotz Trauer und nicht zuletzt trotz Komplexität. Erzählt werden sie von einer Mutter, einem Kind, als VR-Erlebnis, mit Musik, Tanz und Radau, mit Wut und mit Freude, mit Trauer und dem Versuch, nicht zu vergessen.
Wir wissen nicht, ob dieser kleine Widerstand die Welt verändern kann, ob das persönliche «Trotzdem» irgendjemanden juckt. Aber was wir sicher wissen, ist dass es die Welt verändern würde, wenn wir diesen Mikro-Widerstand nicht leisten, wenn wir kuschen, uns entfremden, einander misstrauen. Wenn es etwas zu tun gibt, dann ist es zusammenkommen, gemeinsam nachdenken, uns austauschen, einander und uns selbst Mut machen, Kompliz*innen bleiben oder werden. Höchste Zeit, die Gesellschaft zu kitten. Und wenn wir schon dabei sind, reparieren wir sie doch gleich mit Gold und machen sie schöner, besser, stärker als zuvor. Nichts weniger als das.
Wir freuen uns, Sie am Festival zu sehen, in der Dampfzentrale, im Schlachthaus, im Tojo, in der Feuerwehr Viktoria oder in unserem Festivalzentrum Lehrer*zimmer im PROGR – nicht nur trotz allem, sondern grade wegen allem.
Ihr auawirleben-Team
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